1          Anwendung der Modellierung zur Überprüfung der Gestaltung von Buhnen/Buhnenfeldern

Die Gestaltung von Buhnenfeldern muss im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie, d.h. unter der Berücksichtigung der Belange der Schifffahrt und der Anforderungen der Ökologie an eine leitbildgerechte Gestaltung der Uferbereiche erfolgen. Die Anforderungen beider Bereiche sollen im Folgenden umrissen werden, ebenso die Modellierung möglicher Buhnenvarianten mit der exemplarischen Abschätzung ihrer Auswirkungen auf die Fauna.

1.1       Ökomorphologische Kriterien (Leitbild) für die Struktur der Elbe im Untersuchungsabschnitt

Für die Einschätzung der dem Ökosystem angemessenen Struktur des Lebensraums bietet sich der Vergleich mit historischem (Karten-)Material an (Bohle & Engel-Methfessel 1993). Abbildung 1, Abbildung 2 und Abbildung 3 zeigen beispielhaft Karten der Elbe, anhand derer wichtige Strukturelemente zu erkennen sind, die als Leitbild angesehen werden können:

*        Hohe Breitenvarianz

*        Stabile Inseln und Sandbänke mit Baumbestand

*        Starke Mäandrierung des Flusses

*        Durchgängige Nebenflüsse

*        Flache Ufer

*        Auenwald im Uferbereich

Im Zuge des Ausbaus der Elbe als Wasserstraße und der vermehrten Nutzung der Aue ergaben sich gravierenden Veränderungen, welche in (Tabelle 1) zusammengestellt sind.

 

typische Strukturelemente bis Anfang des 19. Jahrhunderts

wasserbauliche Veränderungen

*        extreme Strombreiten, große Flachwasserbereiche

*        zahlreiche weidenbestandene Sandbänke

*        Stromteilungen durch Mittelsänder

*        rechtwinklige Übergänge des Stromstrichs zum anderen Ufer

*        im Strom befindliche Baumstämme

*        vielfältig strukturierte Seitengewässer

*        vereinheitlichte, verengte Strombreite

*        festgelegte Abbrüche

*        Beseitigung der Sandbänke und Stromteilungen

*        Abrundung der Kurven

*        Beseitigung von Baumstämmen und Felsen

*        Verlandung und Abschneidung von Seitengewässern

Tabelle 1: Veränderungen in der gewässermorphologischen Struktur der Mittelelbe (Jährling 1992).

 

Abbildung 1: Lokale Bildkarte von 1610. Quelle: http://elise.bafg.server.de/.

 

Abbildung 2: Die Elbe bei Drethem im Jahre 1792 u. 1893. Quelle: http://elise.bafg.server.de/.

Abbildung 3: Gebietskarte von 1724. Sehr differenzierte Darstellung der Inseln und Sandbänke. Breitenvarianz der Elbe um das 4 bis 5-fache. Quelle: http://elise.bafg.server.de/.

 

Tabelle 1 bietet damit eine Zusammenstellung der Strukturelemente, die in das Leitbild der Elbe  bzw. eines größere Flachlandflusses wie der Elbe gehören.

Weiterhin werden Leitbilder durch die Analyse historischer Texte, die eindeutige Hinweise auf die damals typischen Strukturelemente geben, erstellt. Jährling (1995) zitiert aus Roloff (1916), einer Denkschrift zum 50 jährigen Bestehen der preußischen Elbstrombauverwaltung:

„...Im Fluss zeigten sich darum vielfach übermäßig große Strombreiten mit entsprechenden Sohlverflachungen neben Engstellen, in denen tiefe Auskolkungen und Uferabbrüche entstanden. Zahlreiche Sandbänke, die bis Mittelwasserhöhe reichten und zum Teil mit Weiden bewachsen waren, lagen im Strombette. Darunter waren auch so genannte Mittelsänder, die Stromteilungen herbeiführten nicht selten... die Stromufer lagen in starkem Abbruch... im Strom befindliche Baumstämme, die bei Hochwasser und Eisgang ausgespült wurden... stromschnellenartigen Flussstrecken mit felsigem Untergrund bei Torgau und Magdeburg...“

Allgemeines Ziel und Leitbild für ein Fließgewässer sollten viele Teilbiotope mit unterschiedlichen Strukturen sein, die von verschiedenen Organismengesellschaften besiedelt werden. So entstehen beispielsweise durch unterschiedliche Strömungsverhältnisse Teilbiotope mit verschiedenen dominierenden Substraten, in denen sich jeweils spezielle Gesellschaften ansiedeln.

 

1.2       Faunistisches Leitbild für die Biozönose der Elbe im Untersuchungsabschnitt

Das Leitbild der Biozönose der Elbe kann neben einem Vergleich mit relativ naturbelassenen europäischen Flachlandflüssen (Loire, Weichsel) durch historisches Datenmaterial und paläo-limnologische Arbeiten (z.B. Walker 1993, Hoffmann et al. 2002) rekonstruiert werden. Da einschneidende Veränderungen der Gewässergüte und der Flussmorphologie schon vor Beginn der benthosbiologischen Untersuchungen ab Mitte des 18. Jh. einsetzten ist es nur bedingt möglich das ursprüngliche Arteninventar aus der Literatur nachzuvollziehen (Petermeier & Schöll 1994). „Die Fauna der europäischen Flüsse wurde zerstört, bevor es möglich war, sie komplett zu untersuchen“ (Fittkau & Reiss 1983).

Allgemein ist als faunistisches Leitbild die Erhöhung der Diversität durch stenöke, elbetypische Arten anzusehen. Arten, welche nach historischen Quellen in der Elbe gefunden wurden, werden in Petermeier & Schöll (1994) beschrieben: es sind dies u.a. die Taxa

 

Großtaxon

Taxon

Elbabschnitt

Ephemeroptera

Heptagenia flava (Rost.)

 

Untere u. obere Mittelelbe

 

Baetis sp.

Untere u. obere Mittelelbe

 

Caenis sp.

Untere u. obere Mittelelbe

 

Potamanthus luteus (L.)

 

Obere Mittelelbe

 

Ephoron virgo (Ol.)

 

Obere Mittelelbe

Plecoptera

 

Keine Angaben in Literatur

Obere Mittelelbe

Trichoptera

Hydropsyche angustipennis (Curt.)

Obere Mittelelbe

 

Plectrocnemia sp.

Obere Mittelelbe

 

Polycentropus sp.

Obere Mittelelbe

 

Ceraclea fulva (Ramb.)

Obere Mittelelbe

 

Limnephilus lunatus (Curt.)

Untere Mittlelelbe

Odonata

Coenagrion pulchellum

Untere u. obere Mittelelbe

 

Lestes sponsa

Untere Mittelelbe

 

Ischnura elegans

Untere Mittelelbe

 

Gomphus flavipes

Untere Mittelelbe

 

Die früheste Quelle, welche durch Petermeier & Schöll (1994) ausgewertet werden konnte, ist aus dem Jahr 1937 die Untersuchung von Bauch (1958). Auch hier ist schon mit einer Beeinträchtigung der Fauna durch anthropogene Veränderungen zu rechnen. Pusch et al. (2002) versuchen eine Bewertung der makrozoobenthischen Besiedlung in Bezug auf den Referenzzustand für die Müggelspree. Für Defizite werden insbesondere die mangelnde Hochwasserdynamik und der Mangel an Totholz verantwortlich gemacht. Pusch et al. (2002) nennen die Taxa Heptagenia, Ephemera, Baetis und Brachycerus „die bei vielfältigerem Habitatangebot (z.B. dynamischer Sandbänke)... „ häufiger wären, sowie verschiedene Gomphidae. Weiterhin werden verschiedene Trichoptera und Plecoptera und Unionidae genannt.

Für die Erfolgskontrolle ökologischer Sanierungsmaßnahmen werden von Petermeier & Schöll (1994) Arten aus der Gruppe der Mollusca, Plecoptera, Ephemeroptera, Trichoptera und Odonata genannt. Die oben genannten Zeigerarten und elbetypischen Arten wurden im Untersuchungsabschnitt, bis auf wenige Ausnahmen nicht gefunden oder lagen in zu geringen Anzahlen vor. Zudem sind die genannten Arten oft lithophile Arten die im vorherrschenden Weichsubstrat nicht auftreten. Es konnte für diese Arten daher keine statistische Auswertung und Modellierung erstellt werden.

1.3       Allgemeine biologische Zielvorstellungen an die Gestaltung von Buhnen

Die aus dem Leitbild resultierenden biologischen Anforderungen an Ort und Gestaltung von Buhnen lassen sich wie folgt beschrieben:

1.      Die Elbe ist einer der wenigen Flüsse Mitteleuropas, deren typische Stromtalbiotope noch weitgehend im Verbund erhalten sind (IKSE 1995a). Das galt auch für die Biotope der semiterrestrischen Zone vor 1990. Nach dem Wiederausbau der Elbe und dem Neubau vieler Buhnen sind Qualität und Verbund der Biotope zwar deutlich reduziert aber immer noch, verglichen mit anderen Flüssen (Rhein, Neckar..) relativ gut. Der Verbund der Biotope, d.h. die Durchgängigkeit ist für die Fauna von besonderer Bedeutung, da Fische und Benthos während ihrer Lebensphasen unterschiedliche Biotopansprüche entwickeln und zur Artenerhaltung Wanderungsmöglichkeiten innerhalb des Fließgewässers benötigen. Ein Ziel einer möglichst umweltverträglichen Anlage von Buhnen und Buhnenfeldern sollte es also sein, die longitudinale Durchgängigkeit zu sichern, um die Wanderungsmöglichkeiten und damit den genetischen Austausch zwischen den einzelnen Populationen zu erhalten und zu fördern.

*        Von besonderer Wichtigkeit ist ein Verbund der Ufer-Biotope: Die longitudinale Migrationfähigkeit der Fauna sollte durch Buhnen und Buhnenfelder nicht eingeschränkt, sondern durch ein Mosaik unterschiedlicher Habitate gefördert werden.

1.        In diesem Zusammenhang ist auch der in weiten Bereichen vorhandene Anschluss der weitgehend naturnahen Auen an den Strom Elbe zu sehen (AG der Landesanstalten und -ämter für Naturschutz und Bundesamt für Naturschutz 1994). Die Auen, ebenso wie Altarme, Altgewässer und Stillgewässer, dienen bei Hochwasser, insbesondere auch bei Eistrieb, als Refugialräume. Bei einer weiteren Verbesserung der Wasserqualität der Elbe stellen sie Potentiale für die Wiederbesiedlung dar. Weitere Funktionen erfüllen sie als Reproduktionsräume für viele Faunenelemente. Insbesondere im Potamal ist der Strom nicht als isoliertes Gebilde zu betrachten, das lediglich aus der Stromrinne besteht, sondern als komplexes vernetztes Gebilde, das in Interaktion mit dem Umland steht (Wetzel 1990).

*        Buhnen und Buhnenfelder dürfen keinen Abschluss des Stroms darstellen, sondern müssen die laterale Vernetzung mit der Aue durch entsprechende Habitatstrukturen und Abflussdynamik mindestens erhalten, möglichst auch fördern.

2.        Aufgrund der Festlegung des Flussbettes des sog. „Sandstroms” Elbe ergeben sich höhere Strömungsgeschwindigkeiten, die Sedimente sind ständigen Umlagerungen unterworfen und daher nur für Habitatspezialisten geeignet aber dennoch nicht „lebensfeindlich“ wie Caspers (1952) statuierte. Aufgrund der besonderen Bedingungen in der Stromrinne ist insbesondere für anthropogen überformte potamale Gewässer anzunehmen, dass die semiterrestrischen Flächen eine zentrale Rolle spielen. Hier könnten sich, an den Ufern und den daran anschließenden Gewässerstrukturen, auentypische Wasserpflanzen- und Röhrichtbestände mit einer typischen diversen Fauna entwickeln. Die Gesellschaften von Chironomiden und Oligochaeten in den langsam durchströmten Wasserwechselbereichen stellen eine produktive Fauna dar.

*        Naturnahe Fliessgewässer sind reich strukturiert und geprägt durch ihre Dynamik (Bohle 1996). Als besonders wichtige Elemente erweisen sich eine hohe Dynamik des Substrats und der Wasserstände (in natürlichem Zeitmuster, kein Wellenschlag) sowie und auch daraus folgend eine differenzierte Sortierung des Substrats (Bohle & Methfessel 1993).

3.       Die Sekundärproduktion dieses Teilbiotops ist als Nahrungsgrundlage sowohl für die Jungfischbrut als auch für adulte Fische wichtig. Ein weiterer Aspekt ist die Funktion der semiterrestrischen Flächen als Laichhabitat. Als Ursache für das Ausbleiben bzw. Aussterben heimischer Fischarten in der Elbe wird der intensive Ausbau der Elbe am Anfang des 20. Jahrhunderts verantwortlich gemacht, der durch das Verschwinden der Kiesbänke und Sänder wichtige Laichplätze lithophiler Fischarten vernichtete. Ebenso wie die Gewässer der Aue erlangen damit die semi-terrestrischen Flächen als hoch differenzierter Lebensraum einer diversen Biozönose eine besondere Bedeutung.

*        Das große Flächenangebot und insbesondere die Strukturvielfalt, und daraus folgend auch die hohe Diversität der Fauna ist zu erhalten bzw. zu fördern.

4.        Die Austauschprozesse zwischen Wasserkörper und Interstitial prägen das Ökosystem Fluss. So hat die Interstitialzönose hat einen besonders großen Anteil am Stoffumsatz des Ökosystems Fluss, unter der Voraussetzung, dass eine ausreichende Durchströmung und Versorgung des Interstitials mit Sauerstoff gewährleistet ist, welche auch durch Bioturbation selbst begünstigt wird.

*        Eine Forderung an eine ökologisch „günstige” Buhne wäre also, diese Verbindung nicht zu unterbrechen wie dies z.B. durch die Verwendung von Geotextilien geschieht.

5.        Die Fließgewässerbiozönose ist nicht auf Wellenschlag evolutioniert. D.h. viele Fließgewässertiere haben Übergangsstadien, die etwas über der Wasserlinie durchlaufen werden (u.a. Großlibellen wie z.B. Gomphus vulgatissimus). Wellenschlag, wie er von Schiffsverkehr ausgeht, verursacht bei Tieren, die sich im Schlupfstadium befinden und ins Wasser zurückgerissen werden, eine sehr hohe Sterblichkeit.

*        Aus verkehrswasserbaulicher Sicht notwendige Bauwerke sollten so ausgeführt bzw. saniert werden, dass sie die Uferlinie vor zu starkem Wellenschlag schützen.

6.        Die Buhne klassischer Bauart verursacht im Buhnenfeld, bei Niedrigwasser wenn die Buhnen nicht überströmt sind, eine kreisförnige Strömung häufig auch als Buhnenfeldwalze bezeichnet. Diese Walze wird angetrieben von der Strömung im Hauptstrom und ist sehr stabil, d.h. es kommt zu wenig Turbulenzen und nur geringen Austausch des Wassers im Buhnenfeld mit dem des Hauptstroms. Die geringe Strömungsgeschwindigkeit ohne Turbulenzen hat zur Folge, dass im Buhnenfeld Detritus und Feinstsedimente sedimentieren und an vielen Stellen Stillwassercharakteristik und Sauerstoffarmut (im Sommer) auftritt.

*        Um der Fließgewässerbiozönose geeignete Bedingungen zu schaffen, sollte die Strömung geradliniger gerichtet sein und ein stärkerer Austausch des Buhnenfeldwassers mit dem Hauptstrom erfolgen.

7.        Die Sedimentation in der Buhnenfeldwalze bei Niedrigwasser bedingt ein Verlanden der Buhnenfelder und Reduktion der aquatischen Biotope auf die Hauptrinne, welche als Bundeswasserstraße relativ uniform ist. Die terrestrischen Flächen werden damit, insbesondere während der Hauptproduktionsphase ebenfalls stark eingeschränkt. Insbesondere Habitate die permanent mit dem Hauptstrom verbunden sind zeichnen sich durch eine besonders hohe Diversität aus wie Juget et al. (1994) für Oligochaeten der Rhone und Marmonier et al. (1994) für Ostracoden ermittelten.

*        Die Buhnenfelder sollten so durchströmt werden, dass ein Zusedimentieren verhindert wird und die großen und flachen Flächen der aquatischen Biotope erhalten werden. Ein Abschluss der Nebengewässer ist zu verhindern.

 

Zusammenfassend sollten folgende Elemente bei der Strukturierung der Buhnenfelder stärker gewichtet werden  bzw. auf die Ausbildung folgender Strukturen geachtet werden (siehe auch Schöll (2002) S.33-S.34):

*        Strömungs-Substrat-, Þ Habitat- Diversität und Dynamik

*        Vielfältiges Relief mit z.T. flachem Anstieg, damit zu möglichst jedem Wasserstand die besonders bioaktiven, benetzten Flächen groß sind, insbesondere während der Hauptproduktionsphase

*        Die Zusedimentation der Buhnenfelder und damit die Reduktion des Flusses auf den Hauptstrom ist zu verhindern

*        großflächige Kolke (z.B. als Retentionsflächen für Fische)

*        Geradlinige gerichtete Strömung und Austausch mit dem Wasserkörper des Hauptstroms, keine „Buhnenfeldwalze“

*        Die Durchströmung der ufernahen Bereiche, insbesondere bei Niedrigwasser in der Hauptproduktionsperiode der Spezies, ist zu verstärken.

Die genannten Elemente können nicht in einem Buhnenfeld verwirklicht werden, sondern sollten in einem Verbund von Buhnenfeldern berücksichtigt werden, so dass sich ein großräumiges Mosaik unterschiedlichster (lenitischer und lotischer) Habitate ergibt. Dies ist nicht nur wichtig in Bezug auf eine quantitative Zunahme der Taxa und ihrer Leistungen, sondern auch in Bezug auf Qualität der Biozönose, da zu kleine Flächen nur von Restbiozönosen besiedelt werden (Bohle & Engel-Methfessel 1993). Die Habitattypen und Mosaiktypen, welche in der Elbe im heutigen Ausbauszustand fehlen, müssen durch die oben genannten Maßnahmen gefördert werden. Diese Maßnahmen führen zu erhöhter Diversität und einer potamaltypischeren und elbetypischeren Biozönose.

1.4       Allgemeine Anforderungen an Buhnen/Buhnenfelder aus Sicht des Verkehrswasserbaus

Große Ströme werden in Mitteleuropa meist als Verkehrswege genutzt. Zur Sicherung einer ganzjährigen Binnenschifffahrt werden Flussbauwerke (Buhnen, Leit- und Deckwerke) eingebaut, die grundlegend in die hydraulischen und morphodynamischen Prozesse des Fließgewässers eingreifen. Die Anforderungen des Verkehrswasserbaus an Buhnenbauwerke und die resultierenden Auswirkungen auf die Ökologie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1.      Buhnen werden in Fließgewässer eingebaut, um die Wassertiefe zu erhöhen, indem die Durchflussbreite verringert wird. Der nach dem Buhnenbau zunächst ansteigende Wasserspiegel bewirkt eine größere Schleppspannung, so dass die Flusssohle stärker angegriffen und soweit vertieft wird, bis sich ein Gleichgewichtszustand zwischen der vergrößerten Schleppspannung und der mittleren Korngröße des Flussbettmaterials einstellt. Im neuen Beharrungszustand liegen alle Wasserstände, auch die der Hochwasserstände, tiefer als vor der Regelung.

2.        Buhnen dienen dem Errosionsschutz der Uferbereiche, da durch die Ausbildung der Buhnenfeldwalze die Ufer zwischen den Buhnen vor direktem Angriff der Strömung geschützt wird

3.        Die geringen Strömungsgeschwindigkeiten in den Buhnenfeldern bedingen das Sedimentieren von suspendierten Stoffen. Dies führt zu einer teilweisen Verlandung der Buhnenfelder, welcher aus aus verkehrswasserbaulicher Sicht nichts entgegen steht, da dadurch der Fluss in seinem Bett festgelegt wird.

4.        Im Gegensatz zu natürlichen Fließgewässern, für die Sedimentumlagerungen ein typisches Merkmal ist, wird bei anthropogen genutzten Fließgewässern versucht, die Morphodynamik weitgehend zu unterbinden. Dies geschieht durch die Verhinderung der Seitenerosion und die Festlegung einer bestimmten Tiefenerosion bei bestimmten Ausbauzuständen.

5.        Bei der Sanierung  bzw. baulichen Veränderung derzeitiger Buhnen in der Elbe (Ziel des Bundesministeriums für Verkehr ist die Wiederherstellung des Ausbauzustandes von 1936), kann sich die z.T. zum Stillstand gekommene (im Raum Wittenberge) oder zurückgegangene (Magdeburg Niegripper Raum) Tiefenerrosion wieder verstärken (IKSE 1995b, Nestmann 1994, 1996). Die Eingriffsfolgen werden relativ schnell sichtbar werden, da aufgrund der feinkörnigen Sohlstruktur der Elbe die Errosionsprozesse beschleunigt ablaufen (Nestmann 1996). Die Tiefenerosion im Strom zieht die Grundwasserspiegelabsenkung in den Vorländern nach sich und hat weitreichende Folgen für Fauna und Flora der Feuchtbiotope und Auenwälder (IKSE 1995b). Auch wäre mit gravierenden ökonomischen Schäden zu rechnen, da in den Elbauen Trinkwasser für 14 Millionen Menschen gewonnen wird und diese außerdem als Erholungslandschaft dienen (AG der Landesanstalten und -ämter für Naturschutz und Bundesamt für Naturschutz 1994). Daher muss vorsichtig agiert werden und durch sorgfältige Untersuchungen sowie behutsame Maßnahmen einer extremen Tiefenerosion entgegen gewirkt werden.

Die genannten Anforderungen des Verkehrswasserbaus stehen in einem Zielkonflikt mit den unter 1.3 oben genannten Zielvorstellungen der Ökologie, einer weitgehend naturnahen Abfluss- und Geschiebedynamik. Daher muss in Form modifizierter Buhnen/Buhnenfelder mit dem zur Verfügung stehenden Platz, ein Kompromiss gefunden werden, der den Anforderungen beider Bereiche näherungsweise gerecht wird.

1.5       Ist-Zustand und Möglichkeiten der Gestaltung und Veränderung von Buhnen/Buhnenfeldern

Der Istzustand der Buhnen an der Elbe wird im Folgenden beschrieben: „Die Buhnengeometrie der Elbe wurde um die Jahrhundertwende nach Gesichtspunkten festgelegt, die im wesentlichen als empirisch begründet bezeichnet werden kann. Interessant ist auch der Vergleich mit anderen deutschen Strömen. Es zeigt sich, dass der Buhnenbau von Fluss zu Fluss individuell verschieden ist und den jeweiligen Verhältnissen (z.B. Strömung, Abflusscharakteristik, Baumaterial,...) Rechnung trägt. An der mittleren Elbe können die geometrischen Parameter wie die Lage zum Stromstrich: 72° (inklinante Anordnung), Längsgefälle der Krone: 1:100-200, oberstromseitige Böschung: 1:3, unterstromseitige Böschung: 1:2, Kopfneigung 1:5 sowie eine Buhnenlänge von 50-70m als typisch angesehen werden. Weiterhin werden die Gebietsparameter wie mittlere Sohlneigung der Elbe von 0,02 % und die Neigung des Ufers gegen die „Fahrrinne von 1:20 sowie eine Fahrrinnenbreite von 50m und eine Gesamtbreite des Gerinnes von 170m für das Modellgebiet angenommen“.

(aus http://wabau.kww.bauing.tu-darmstadt.de/~krebs/www/Webpage/buhnen.htm Krebs 2000)

Die oben genannte Buhnencharakteristik bewirkt eine kreisförmige langsame Strömung im Inneren des Buhnenfeldes, welche durch die Strömung im Hauptstrom angetrieben wird. Diese „Buhnenfeldwalze“ steht nur in geringem Austausch mit dem Hauptstrom, daher zeichnen sich die Buhnenfelder durch sehr geringe Strömung, deutliche Erwärmung des Wasserkörpers im Vergleich zum Hauptstrom und Sedimentation von Feinstpartikeln aus.

 

Folgende Parameter können bei der Gestaltung von Buhnenfeldern und Buhnen geändert werden:

*        Der Abstand der Buhnen zueinander kann vergrößert werden. Dies wirkt der Ausbildung der Buhnenfeldwalze entgegen, d.h. der Austausch mit dem Hauptstrom wird verbessert (Weitbrecht & Hinterberger 2001), und es erfolgt eine eher stromabwärts gerichtete Strömung.

*        Die Buhnenlänge kann variiert werden.

*        Die Anstellung der Buhnen zur Strömung ist ebenfalls eine veränderbare Größe. An der Elbe wurden die Buhnen in inklinanter Bauart ausgeführt, d.h. sie weisen der Strömung mit dem Buhnenkopf entgegen. Dies bewirkt eine verstärkte Ausbildung der Buhnenwalze und Sedimentation im Buhnenfeld bei Niedrigwasser, wenn die Buhne nicht überspült ist. Bei Hochwasser, wenn die Buhne überspült ist bewirkt die inklinante Stellung der Buhne eine Ableitung der Strömung vom Ufer. Dies vermindert die Ufererrosion. Deklinante Buhnen haben im Vergleich zu inklinanten Buhnen einen geringeren Massenaustausch mit dem Hauptstrom (Weitbrecht & Hinterberger 2001), eine Eigenschaft welche einer fließgewässertypischeren Biozönose der semiterrestrischen Flächen nicht gerecht wird.

*        Zahl und Größe der Durchbrüche in den Buhnen ist eine weitere Steuerungsmöglichkeit. Ein größerer Durchbruch verhindert u.a. die Bildung von Kolken (bei Hochwasser) nach dem Durchbruch.

*        Ebenso wie die Höhe der Buhnen und die Tiefe der Durchbrüche über welche gesteuert werden kann bis zu welchem Wasserstand die Buhne durchlässig ist bzw. als undurchlässiger Sperrriegel dient.

*        Eine Variante eines Durchbruchs, welche z.B. Gaumert (1990) propagiert ist die Erstellung eines Durchbruchs durch die Buhne in Form einer Röhre.

*        Eine weitere Möglichkeit einer Gestaltung von Buhnen ist der Bau von uferparallelen Leitwerken. Diese haben den Vorteil dass sie die Ufer vor Wellenschlag durch Schiffsverkehr schützen, die hinter den Leitwerken liegenden Habitate sedimentieren aber oft zu oder es entwickeln sich Bereiche mit starken Sauerstoffdefiziten.

 

Eine weitere Möglichkeit Habitate zu schaffen, die als Ersatz für die zur Schifffahrt benutzte Hauptrinne dienen, ist der Bau von „secondary channels“, also Seitengewässern, wie dies von Schropp & Bakker 1998 am Beispiel des Rheins in den Niederlanden beschrieben wurde. Da dies aber den Zukauf von Land erfordert was nicht überall durchführbar ist, und der Gegenstand dieser Untersuchung die Buhnenfelder waren, wurde diese Möglichkeit in der vorliegenden Arbeit nicht berücksichtigt.

Konkrete Empfehlungen für den Bau eines einzigen „bestgeeigneten“ Buhnenfeldes und -typs können aber nicht gegeben werden, da die hydraulischen und morphologischen Bedingungen jedes Flussabschnitts zu sehr differieren und daher vor dem Bau dem jeweiligen Flussabschnitt individuell anzupassen sind. Zu diesem Zweck wurde das in diesem Projekt vorgestellte Modellierungswerkzeug geschaffen. In den modellierten Elbeabschnitt wurden daher einige Buhnenvarianten in das vom TP Wasserbau erstellte numerische Modell „eingebaut“ und die Auswirkungen der Umbaumaßnahme auf die Fauna und Morpho- und Hydrodynamik beurteilt.

1.6       Getestete Buhnen Varianten

Im Folgenden werden Buhnenvarianten beschrieben, welche hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Morpho-, Hydrodynamik und Biologie getestet wurden. Es wurden insbesondere Anzahl und Breite der Durchbrüche sowie Anzahl der Buhnen pro Stromkilometer variiert, da davon ausgegangen wurde mittels dieser Maßnahmen die deutlichsten Veränderungen zu erzielen. Leitwerke wurden nicht virtuell erbaut, da die Aufgabe die Modifikation von Buhnenfeldern definierte. Die Buhnen und Buhnenfelder dreier Elbeabschnitte wurden im Modell folgendermaßen „umgebaut“:

Bei Elbekilometer 422,5 links wurde jede zweite Buhne entfernt und die Lage der Durchbrüche in jeder Buhne variiert (s. Abbildung 4 rechts). Dies sollte eine vielfältige Morphologie der Buhnenfelder verursachen und wechselnde Strömungsbedingungen schaffen. Da die Buhnenfelder in einem Gleithang liegen konnte davon ausgegangen werden, dass die 2. Buhne für einen Uferschutz nicht notwendig ist.  Das Entfernen der 2. Buhne sollte bewirken, dass die Strömung bei Niedrigwasser mehr am Ufer liegt und damit bessere Bedingungen für rheophile, Potamal -typische  Taxa geschaffen werden. Die versandeten Buhnenfelder wurden zudem etwas vertieft.

 

 

Abbildung 4: Stkm 422, Ausgangszustand links, Relief der Variante rechts. Legende: [m] über NN.

Bei Stkm 423,4 rechts im Prallhang der Elbe wurden keine Buhnen entfernt, die Buhnen wurden aber mit Durchbrüchen versehen (s. Abbildung 5). Es wurden alternierend zwei und ein  Durchbruch in die Buhne eingebaut. Es wurde erwartet, dass sich die vorher deutlich ausgeprägte Buhnenfeldwalze abschwächt bzw. auflöst, um so einen größeren Austausch des Buhnenwassers mit dem Wasserkörper des Hauptstroms zu ermöglichen.

 

Abbildung 5: Stkm 423, Ausgangszustand links, Relief der Variante rechts. Legende: [m] über NN, s. Abbildung 5.

Im Prallhang bei Stkm 424 links (Abbildung 6) wurden insgesamt 5 Buhnen mit einem Durchbruch versehen, um zu testen, ob diese hintereinander geschalteten Durchbrüche evtl. einen „Kanalisierungeffekt“ nach sich ziehen würden, welcher ein Teilungsgerinne simulieren könnte. Inseln und Teilungsgerinne werden im Hauptstrom eines Fließgewässer, welches als Wasserstraße genutzt wird, als Navigationshindernisse verstanden, könnten auf diese Weise aber in anderen nicht für die Schifffahrt relevanten Bereichen gefördert werden.

Insgesamt sollten die Buhnenfelder auf die unter 1.3 genannten Zielvorstellungen für optimierte Buhnen/Buhnenfelder geprüft werden und die Auswirkungen exemplarisch an einigen Arten zu beurteilen sein.

 

Abbildung 6: Stkm 424, links Ausgangszustand, Relief der Variante rechts. Legende: [m] über NN, s. Abbildung 5.

1.7      Modellierungsergebnisse der Buhnenvarianten

Im Folgenden werden exemplarisch die Modellierungsergebnisse (dargestellt in dem Arcview GIS) für die Chironomide R. demeijerei und den Tubificiden Limnodrilus sp. beschrieben. Die Modellierung wurde exemplarisch für zwei Taxa des Weichsubstrats mit antagonistischer Reaktion auf die bestimmenden Umweltfaktoren durchgeführt, für welche eine gute Qualität der Modellierung erzielt werden konnte. Die Abundanz der Taxa wurde modelliert für die Jahreszeit Herbst und ein pH Minimum von 7,5 , welche aus der Trendanalyse als typisch für diese Jahreszeit ermittelt wurden. Es wurde ein Pegel von 2,95m wie in der morpho- und hydrodynamischen Modellierung angenommen. Der Wasserstand wurde entsprechend graphisch dargestellt.

Die Ergebnisse der morpho- und hydrodynamischen Modellierung werden, soweit sie zur Erklärung der Modellierung der Taxa notwendig sind, dargestellt. Eine weitere Auswertung und Darstellung der morpho- und hydrodynamischen Ergebnisse erfolgte in BMBF (2002).

 

 

Legende für die folgenden graphischen Darstellungen der Modellierungsergebnisse:

*        Die Linien stellen Höhenlinien dar.

*        Pfeile stellen Strömungsvektoren dar, deren Länge die Strömungsgeschwindigkeit angibt. Die Anzahl der Strömungsvektoren pro Flächeneinheit entspricht der Anzahl der Modellierungspunkte.

*        Für die Darstellung der Strömungsgeschwindigkeit wurden Geschwindigkeiten, welche über 3m/s lagen, als Fehler im Modell verstanden, da solche Geschwindigkeiten nicht gemessen wurden. Die Maximalgeschwindigkeit wurde daher auf 3 m/s festgelegt. Die Einheit der in den Legenden dargestellten Strömungsgeschwindigkeiten ist [m/s].

*        Die Einheit der in den Legenden dargestellten mod. mittleren Korndurchmesser ist [mm].

*        In den Darstellungen der modellierten Abundanz werden nicht überflutete Flächen durch braune/graue (abhängig von der Höhe über dem Wasserspiegel) Farbdarstellung  gekennzeichnet. Benetzte Flächen, für die kein Vorkommen modelliert wird, werden durch uniforme, hellblaue Farbdarstellung gekennzeichnet. Eine gesonderte Kennzeichnung der Flächen mit Hartsubstart (Buhnensteine), für die andere Modelle angenommen werden müssten (s Kapitel ) wurde nicht vorgenommen, kann aber im Modell leicht eingeführt werden.

*        Die in den Legenden angegeben Anzahlen für die modellierten Spezies sind Abundanzzahlen, mit der Einheit log Individuen/m2.

1.7.1          Buhnenfelder bei Stromkilometer 423

 
Abbildung 7 links zeigt die Verteilung von Limnodrilus sp. vor dem virtuellen Umbau der Buhnen. Es wird die Reaktion von Limnodrilus sp. sowohl auf die Strömung als auch auf die Kornverteilung deutlich: Limnodrilus sp. ist stagnophil. Daher ist die Abundanz in der Strommitte am kleinsten und in den strömungsberuhigten Bereichen, insbesondere an der Buhnenwurzel der stromauf gelegenen Buhne am größten.

 

Abbildung 7: Verteilung von Limnodrilus sp. vor (links) und nach (rechts) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Prallhang bei Stkm. 423.

 

 

 

Abbildung 8: Strömung vor (links) und nach ( rechts) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Prallhang bei Stkm. 423.

 

 

Die Bevorzugung feinerer Substrate durch Limnodrilus sp. wird an dem durch ein rotes Oval markierten Bereich der Buhnenfelder deutlich (Abbildung 7, Abbildung 8 Abbildung 9): Die hier vorherrschenden gröberen Substrate bedingen eine Abundanzerniedrigung, welche nicht durch die in diesem Gebiet relativ uniforme Strömungsverteilung zu erklären ist.

 

 

Abbildung 9: Verteilung der Korngrößen nach Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Prallhang bei Stkm. 423. Strömungsvektoren sind als dunkle Pfeile dargestellt.

Die Modellierung von R. demeijerei einer typischen Potamalart und Spezialistin für Bereiche mit hoher Geschiebeführung (Schöll 2002) wird in Abbildung 10 demonstriert. Die Abundanz der Chironomide nimmt zur Flussmitte, den Bereichen mit größerer Strömung zu.

 

 

Abbildung 10: Verteilung von R. demeijerei vor (links) und nach (rechts) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Prallhang bei Stkm 423. Legende: log Abundanz I/m2 von R. demeijerei.

Wie in der Diskussion der Ergebnisse des Weichsubstrats dargestellt, zeigt R. demeijerei eine leichte Präferenz für gröbere Substrate, daher ist bei den groben Sedimenten (dunkelblaue Ovale in Abbildung 9) eine Zunahme der Abundanz zu verzeichnen (dunkelblaue Ovale in Abbildung 10). Diese ist nicht auf eine Änderung der Strömungsgeschwindigkeiten zurückzuführen, da sich diese in dem markierten Bereich nicht wesentlich ändern (Abbildung 8).

Die Strömungsverteilung vor und nach Umbau der Buhnenstruktur ist in Abbildung 8 dargestellt. Es wird deutlich, dass in den Buhnenfeldern der Anteil der schneller strömenden Bereiche zwar nur wenig aber dennoch deutlich zugenommen hat (s. auch BMBF 2002). Daher reagiert R. demeijerei mit einer Arealvergrößerung und insgesamt mit einer Abundanzzunahme.

Der Vergleich der Abundanz-Modellierung vor und nach Änderung der Buhnenstruktur zeigt, dass eine größere „Fleckenhaftigkeit“ der Besiedlung durch Limnodrilus sp. sowie R. demeijerei nach Änderung der Buhnenstruktur erreicht wurde.

Die Buhnenfeldwalze des stromauf gelegenen Buhnenfeldes ist ebenfalls aufgelöst (Abbildung 9), d.h. der Massenaustausch mit dem Hauptstrom hat deutlich zugenommen. Dagegen besteht die Buhnenfeldwalze im stromab gelegenen dargestellten Buhnenfeld weiterhin. Insgesamt ist eine Diversifizierung der Umweltbedingungen des Areals zu beobachten.

1.7.2       Buhnenfelder bei Stromkilometer 422

Die Abundanzen von R. demeijerei und Limnodrilus sp. wurden für die Jahreszeit Herbst und ein pH Minimum von 7,5, welches nach der Trendanalyse als typisch für diese Jahreszeit ermittelt wurde modelliert.

 

 

 
 

Abbildung 11: Verteilung von Limnodrilus sp. vor (ganz links) und nach (2. von links) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Gleithang bei Stkm 422 Legende links: Abundanz (I/m2). Die Abb. 3 und 4 von links stellen die korrespondierende modellierte Strömungsgeschwindigkeit dar. Legende mitte: mod. Strömungsgeschwindigkeit [m/s].

Die Modellierung demonstriert, wie schon in der Modellierung des Buhnenfeldes bei Stkm. 423, die Präferenz von Limnodrilus sp. für lenitische Bereiche: der Tubificide dominiert in den sehr ufernahen, strömungsberuhigten Bereichen, welche durch die (z.T. versandeten) Buhnen gebildet werden.

Die Modellierung der Buhnen – Variante ergibt ein sehr ähnliches Abundanzmuster. Da der Bereich mit großem Korndurchmesser aber erweitert ist, werden hier größere Bereiche als nicht für Limnodrilus sp. geeignet gekennzeichnet. Allerdings ergibt sich, aufgrund der „Ausbaggerung“ insgesamt eine Arealvergrößerung.

Für die rheophile R. demeijerei wird in der Strommitte eine größere Abundanz ermittelt, als für die Seitenbereiche. Die Unterschiede zwischen Hauptstrom und Buhnenfeld sind aber weniger differenziert und ausgeprägt als in der bei Stkm. 423 beschriebenen Variante der Buhnenfelder (1.7.1), da der Fluss in diesem Bereich ein sehr uniformes Bett aufweist.

 

 

 

Abbildung 12: Verteilung von R. demeijerei vor (ganz links) und nach (2. von links) Änderung der Buhnenstruktur. Die Abb. 3 und 4 von links stellen die korrespondierenden mittleren Korndurchmesser dar [mm].

Die Modellierung der Verteilung von R. demeijerei nach Umbau der Buhnenfelder wird in dem 2. Bild von links in Abbildung 12 dargestellt. Es ergibt sich, aufgrund der Ausbaggerung der Buhnenfelder, ebenfalls eine Arealvergrößerung. Die modellierte Patchiness der Buhnenvariante ist leicht erhöht. Die Strömungsvektoren (hier nicht grafisch dargestellt) indizieren die Ausprägung von Buhnenfeldwalzen in einigen der Buhnenfelder. Diese ist aber weniger deutlich, da die Buhnen versandet sind und die Buhnenstruktur nur noch schwach ausgeprägt ist. Die Variante zeichnet sich durch gute Durchströmung der Buhnenfelder aus. Eine Tendenz zur Ausbildung der Walze besteht nicht.

1.7.3       Buhnenfelder bei Stromkilometer 424

Die Abundanz von Limnodrilus sp. ist in den strömungsberuhigten Bereichen der Buhnen am größten (Abbildung 13). Diese Bereiche wurden durch die virtuelle Vertiefung und Vergrößerung der Buhnenareale vergrößert. In der Strommitte finden sich, insbesondere bei der Variante, Bereiche für die keine Vorkommen von Limnodrilus sp. modelliert werden.

 

 

Abbildung 13: Verteilung von Limnodrilus sp. vor (links) und nach (rechts) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Gleithang bei Stkm. 424.

Dies ist auf die in der Strommitte erhöhten Strömungsgeschwindigkeiten zurückzuführen. Eine solche Erhöhung der Strömungsgeschwindigkeit findet in den umgebauten Buhnenfeldern, trotz durchbrochener Buhnen über ca. 500m Länge nicht statt (Abbildung 14); evtl. aufgrund der Lage in einem, wenn auch schwach ausgeprägtem Gleithang.

 

 

Abbildung 14: Strömung vor (links) und nach ( rechts) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Prallhang bei Stkm. 423.

 

Die Buhnenfeldwalze und die daraus in den Seitenbereichen resultierenden Stillwasserzonen bestehen daher weiterhin, wie dies die für andere Buhnenfelder exemplarische Abbildung der Strömungsvektoren (Abbildung 15) verdeutlicht.

 

 

Abbildung 15: Relief und Strömungsvektoren in einem Buhnenfeld bei Stkm. 424.

 

In Abbildung 16 ist die Korngrößenverteilung in den Buhnenfelder vor und nach Umbau der Buhnen dargestellt. In Abbildung 16 rechts treten in den vergrößerten Buhnenfeldern relativ uniforme Bereiche mit feinem Substrat auf, die durch einen Depositionswall mit gröberem Substrat gegen den Hauptstrom abgeschlossen sind.

 

 

Abbildung 16: Verteilung der Korngrößen nach Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Prallhang bei Stkm. 424.

Abbildung 17 verdeutlicht, dass die Depositionsflächen der Stillwasserzonen mit besonders feinen Korndurchmesser, welche durch die Vergrößerung des Buhnenareals geschaffen wurden nicht für eine Besiedlung durch R. demeijerei geeignet sind. Durch die Erhöhung der Strömungsgeschwindigkeiten in der Strommitte, ergeben sich für R. demeijerei preferable Bedingungen. Auch hier ist aber keine größere Diversifizierung der Umweltbedingungen und damit der Besiedlung zu verzeichnen.

 

 

Abbildung 17: Verteilung von R. demeijerei vor (links) und nach (rechts) Änderung der Buhnenstruktur. Buhnenfelder im Gleithang bei Stkm 424. Legende: log Abundanz I/m2.

1.8      Diskussion der Modellierungsergebnisse

Ein Ökosystem besteht aus einem großen Komplex biotischer und abiotischer Elemente, die direkt oder indirekt interagieren. Ein solches System kann nicht in seiner gesamten Komplexität und allen beteiligten Faktoren modelliert werden. Es wurde daher eine Reduktion auf die wichtigsten Umgebungsfaktoren und die am besten darauf reagierenden Response Variablen vorgenommen. Wir verfolgten dabei einen empirischen Ansatz, da zu wenig bekannt ist über die exakten, kausalen Zusammenhänge in dem Ökosystem "Potamaler Fluss". Die oft benutzte Methode der Verwendung von Indizes und der Einteilung der Umweltfaktoren in Klassen wurde hier vermieden, da die Einteilung in Klassen an sich schon eine Wertung beinhaltet. Weiterhin hat eine diskrete Einteilung den Nachteil, dass Änderungen der jeweiligen Variable, die sich innerhalb der Klasse vollziehen nicht zu einer Änderung der Response Variable führen. Eine Bewertung der Response Variablen sollte nach der Modellierung vorgenommen werden können. Eine Voraussetzung für die Aufstellung eines empirischen Modells ist allerdings ein Gleichgewicht, in welchem sich das zu modellierende System befinden sollte und die Modellierung innerhalb des Mess-(Eich-) Bereichs (Ertsen et al. 1995). Für Fließgewässer ist ein, wenn auch sehr dynamisches Fließgleichgewicht anzunehmen. Die große Dynamik der benthischen Biozönose im Allgemeinen und die Verbesserung der Wasserqualität der Elbe die für die Elbe-Benthozönose einen Wandel zu einer anderen diverseren Biozönose bedeuten kann, lässt allerdings die Postulierung eines Gleichgewichts fragwürdig erscheinen. Die Plausibilität der Übertragbarkeit des Modells in der Zeit, d.h. auf andere Jahre ist daher mit Unsicherheiten behaftet. Da das Modell aber keine Prognosen auf Ebene der Biozönose, sondern auf Art, bzw. Taxa Ebene macht und diese durch Vergleiche mit den autökologischen Ergebnissen anderer Untersuchungen gut abgesichert erscheinen, ist die Übertragbarkeit aber gegeben, soweit sich die gewässerphysikalischen Parameter im Messbereich bewegen. Bei der Einwanderung neuer Spezies, mit den darauf folgenden Interaktionen zwischen Neozoen und „Alteingesessenen“, könnten sich allerdings aufgrund der natürlichen Plastizität im Verhalten der Taxa, neue Beziehungen zwischen Umwelt und Taxon ergeben (Bohle 2000). Diese wären im Modell nicht enthalten. In Fliessgewässerlebensräumen, die durch physikochemische Faktoren determiniert sind, können organismische Interaktionen aber irrelevant sein (Bohle 2000). Dies gilt wahrscheinlich im Besonderen für die Elbe und ihre von r-Strategen dominierte Biozönose.

Ein Manko der Modellierung von Taxa ist allerdings, dass eine Veränderung der Diversität nicht unmittelbar modelliert werden kann, da nur jene Arten in das Modell aufgenommen werden können, welche im Gebiet vorgefunden wurden und für die signifikante Modelle erstellt werden konnten. Das Modell könnte daher weiterentwickelt werden, um nicht nur Arten (Zeigerarten) prognostizieren zu können sondern auch Gilden. Eine Einteilung nach Ernährungstypen und deren kleinräumige Modellierung würde im Gewässer potamalen Typs wie der Elbe aber keine differenzierten Ergebnisse liefern, da die Dominanz der Filtrierer zu groß ist. Erfolg versprechender wäre eine Einteilung in „Spezies Traits“ nach Usseglio-Polatera et al. (2000) und die Modellierung der Eigenschaften der Spezies. Dies sollte auch die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Flusssysteme verbessern (Usseglio-Polatera et al. 2000).

Die Modellierung extrapoliert den Response der Spezies, welcher aus der statistischen Analyse punktueller Mess- Ereignisse gewonnen wurde auf den gesamten Fluss bzw. auf das begrenzte Messgebiet an der Elbe zwischen Stromkilometer 412 und 427. Hier stellt sich die Frage nach der räumlichen Übertragbarkeit der Ergebnisse: Die Messpunkte decken das abiotische Größen-Spektrum der Elbe in Bezug auf Strömungsgeschwindigkeit, Substratzusammensetzung organischen Gehalt und physikalische Parameter ab. Für diese Größen, welche durch die statistische Analyse als die für die Biozönose entscheidenden herausgestellt wurden, bewegt sich die Prognose im gemessen Skalen –Bereich. Für die Parameter „Gewässertiefe“, welche in der Strommitte größer ist als im gemessenen Bereich und direkter „Einfluss des Schiffsverkehrs“, welcher nicht gemessen wurde kann keine direkte Aussage getroffen werden. Bei den in der Hauptvegetationsperiode sehr geringen Wasserständen der Elbe ist der Einfluss eines Schiffes, z.B. durch Turbulenzen welche durch die Schiffsschrauben in unmittelbarer Nähe der Stromsohle verursacht werden, sicherlich erheblich. Da die Schifffahrt auf der Elbe während des Niedrigwassers mit maximal 5 Schiffen pro Tag aber ohnehin fast zum erliegen kommt (eigene Beobachtungen über 2 Jahre), kann diesem Faktor nur lokale Bedeutung zugemessen werden. Die von uns in schnellströmenden Bereichen nahe der Ufer nachgewiesenen rheophilen Arten R. demeijerei und P. volki wurden auch in anderen Untersuchungen in der Strommitte der Elbe nachgewiesen. (Petermeier & Schöll 1996; Schöll & Balzer 1998). Die Gewässertiefe eine Faktor der sich in der statistische Analyse als unbedeutet erwies, scheint keine Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Fauna zu haben. Es ist daher von der Übertragbarkeit auf den gesamten Strom auszugehen. Von einer weiteren räumlichen Übertragbarkeit der Modellierung auf andere Stromkilometer der Elbe kann ausgegangen werden, soweit sich die gewässerphysikalischen Parameter im Messbereich bewegen. Dieser Messbereich war, da die Variationsbreite der meisten physikalischen Variablen in Flachlandflüssen, im Vergleich zu Gebirgsbächen, eng ist (Statzner et al. 1998), relativ klein; es konnte daher nicht das komplette ökologische Potential (Nische) der Arten mit oberem und unterem Pessimum und Optimum erfasst werden.

Die Modellierung der veränderten Buhnen-/Buhnenfelder zeigte insgesamt eine leichte Erhöhung der Strömungsgeschwindigkeit (s. BMBF (2002).). Dies war u.a. Ziel der baulichen Veränderungen. Die Erhöhung war, insbesondere bei dem Prallhang bei Stromkilometer 423, aber wesentlich weniger deutlich als dies erwartet wurde. Es war ebenfalls Ziel der Veränderungen und wurde erwartet, dass der Einbau der Durchbrüche in die Buhnen bei Stromkilometer 423 eine Auflösung der Buhnenfeldwalze herbeiführen sollte. Dies gelang aber nur in einem der modellierten Buhnenfelder bei Stromkilometer 423. Dies muss auf örtliche Gegebenheiten zurückgeführt werden, die eine pauschale Vorhersage der Ergebnisse verhindern. Eine Modellierung der Gegebenheiten vor Ort erweist sich daher als notwendig, um die Ergebnisse von Umbaumaßnahmen besser vorhersagen zu können. Es zeigte sich ebenfalls eine größere Fleckenhaftigkeit der modellierten Abundanzen und Umweltfaktoren. Dies war ein erwünschtes Ergebnis, welches auf eine potentiell hohe Diversität hindeutet.

Ein kritikwürdiger Punkt ist der für die Modellierung verwendete Wasserstand bzw. Pegel von 2,95m, welcher unter morpho- und hydrodynamischen Gesichtspunkten von größerem Interesse ist; eine weitere Evaluierung möglicher Buhnenstrukturen und der resultierenden Entwicklung der Abundanzverteilung müsste aber insbesondere mit einem biologisch relevanteren, der Niedrigwasserperiode entsprechenden Pegel von ca. 1,95 m getestet werden. Interessant wäre ebenfalls die Entwicklung von Präferenzfunktionen für etwaige sich etablierende, stenökere Spezies mit engerer Habitatbindung. Dies würde die Entwicklung präziserer Funktionen ermöglichen. Insgesamt wäre eine weitere Absicherung des Modells auch in Bezug auf zeitlich längerfristige Prozesse, wie Oszillation der Biozönosen im mehrjährigen Rhythmus oder das Ausfiltern biologischer Interaktionen, wie die Interaktion zwischen sich etablierenden Neozoen und „alteingesessenen“ Spezies erstrebenswert. Weiterhin wäre der Vergleich der Ergebnisse, mit Präferenzen, welche unter anthropogen ungestörten Bedingungen mittels der erarbeiteten Methodik ermittelt wurden, wünschenswert. Da eine solche „Referenz“-Biozönose an der Elbe aber nicht existiert, konnte dieser Vergleich nicht im Rahmen der vorliegenden Arbeit durchgeführt werden.

Wie auch González-Oreja & Saiz-Salinas (1999) und Lamouroux et al. (1998) zur allgemeinen Eignung für die in diesen Untersuchungen benutzten Modelle anmerken und schließen, ist dieses Modell nicht gedacht und geeignet um exakte Abundanzen zu bestimmen, sondern um Trends und Präferenzen als Response auf Änderungen der Umweltvariablen zu prognostizieren. In diesem Sinne funktioniert das Modell wie gezeigt werden konnte.